Urlaub mal anders

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Why-Not
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Urlaub mal anders

Beitragvon Why-Not » Mo 28. Okt 2019, 18:21

Nachdem ich letzte Woche einen Bildungsurlaub zu kreativem Schreiben auf Burg Fürsteneck hatte, kam am Sonntag sofort eine Muse vorbei und knutschte mich heftig. Das Ergebnis, eine Kurzgeschichte, könnt Ihr hier lesen. Viel Spaß (hoffe ich).

Urlaub mal anders

Schmerz! Pochender, heftiger Schmerz. Mit der Regelmäßigkeit eines langsam eingestellten Metronoms schien ein Vorschlaghammer seinen Kopf zu treffen. Mühsam öffnete Frank die Augen einen Spalt. Das gleißende Licht einer Magnesiumfackel stach ihm in die Augen. Er schloß sie sofort wieder. Mit ungeheurer Anstrengung drehte er seinen Kopf ein kleines Stück. Erneut öffnete er die Augen ein wenig. Dieses Mal schien es nur noch Flutlicht zu sein, das ihn blendete. Ganz langsam gewöhnte er sich an die Helligkeit. Zu dem unbarmherzig pochenden Kopfschmerz kam ein furchtbarer Durst. Er schien völlig ausgetrocknet zu sein. In seinem Verstand blitzten Bilder auf, die für ihn allerdings keinerlei Sinn ergaben. Ein Lächeln, ein Supermarkt-Regal, eine Burg.

Er sah Holzbalken in verwirrender Anordnung. Und ein Brett, an dem ein Pappbecher zu kleben schien. In Zeitlupe und mit unendlicher Mühe richtete er sich auf. Das Brett wurde zu einem Tisch, auf dem der Pappbecher stand. Der Becher brachte ihm sofort wieder seinen mörderischen Durst ins Bewußtsein. Mit schleichenden Bewegungen, die jeden Tai-Chi-Meister in Verzückung gebracht hätten, kroch er auf den Becher zu. Als er ihn in die Hand nahm, stellte er enttäuscht fest, daß er leer war. Daneben stand allerdings ein durchsichtiger Kanister mit einem Zapfventil. Unter Aufbietung seiner vollen Konzentration gelang es ihm, den Becher zu füllen. Die Geräusche, die dabei entstanden, erinnerten ihn an einen Sturzbach oder einen Wasserfall. Ihm dröhnten die Ohren. Kaum bewegte er sich etwas schneller, schien auch das Metronom zu beschleunigen, das den Vorschlaghammer in seinem Kopf steuerte. Notgedrungen bewegte er sich wieder in Zeitlupe. Er nippte am Becher. Stilles Wasser. Gott-sei-Dank war es kein lautes Wasser, schoß es ihm durch den Kopf. Sein Verstand schien nur dazu da zu sein, ihn mit unsinnigen Assoziationen abzulenken.

Auf dem Tisch, an den er herangerobbt war, stand ein Schild mit Buchstaben und einem Pfeil nach unten. Die Buchstaben schienen Bäumchen-wechsle-dich zu spielen. Erst nach einer kleinen Ewigkeit einigten sie sich auf eine Reihenfolge und er erkannte das Wort ‚Aspirin‘. Auch danach schien es noch mehrere Minuten zu dauern, bis er nicht nur die Tablette erkannte, auf die der Pfeil zeigte, sondern auch vage begriff, daß es einen Zusammenhang zwischen dem Schild, der Tablette und seinem Kopfschmerz geben könnte. Schließlich schluckte er das Aspirin mit etwas Wasser hinunter. Danach blieb er regungslos hocken und erholte sich von seiner Anstrengung.

Wieder tauchten Bilder in seinem noch untätigen Verstand auf. Aus dem abstrakten Lächeln wurde ein Gesicht. Ein schönes, sympathisches und verführerisches Gesicht. Auch der Supermarkt gewann Konturen als der Ort, an dem er diesem Gesicht begegnet war. Die Bilder erzeugten bei ihm ein flaues, angenehmes Gefühl. Schmetterlinge im Bauch.

Das Hämmern in seinem Kopf wich allmählich einem dumpfen Wummern, dessen Intensität weiter nachließ. Sein Blick streifte ziellos durch den Raum, in dem er sich befand. Nahe einer Tür sah er einen Stapel Kleidung liegen. Seine Kleidung. Verwundert sah er an sich herab. Bis auf seine Unterhose war er nackt. Trotzdem war ihm nicht kalt. Ganz langsam kam sein Verstand in Bewegung. Zunächst noch unrund, wie ein Motor, bei dem nicht alle Zylinder funktionieren. Was immer hier los war, er sollte sich anziehen. Während er sich erhob, strich etwas über seinen Rücken. Irritiert griff er danach. Es war eine Kette. Instinktiv zog er daran. Er spürte den Zug an seinem Hals. Mit beiden Händen tastete er seinen Hals ab. Er hatte einen Halsreif um, an dem die Kette befestigt war. Rasch drehte er sich um und sah, daß das andere Ende der Kette an einem der Holzbalken befestigt war. Der Balken war Teil eines Dachstuhls, der ab zwei Metern Höhe den ganzen Raum einnahm. Balken und Kette schienen sehr stabil zu sein. Auch den Halsreif konnte er nicht lockern oder abnehmen. Der Boden des Raums war größtenteils mit Polstern und Kissen bedeckt. Er kannte den Raum bereits, auch wenn er es sich im Moment nicht erklären konnte. Die Erinnerung lauerte gerade außerhalb seiner intellektuellen Reichweite. Irgend etwas mit dem Duft von Kaffee, dem Geschmack von Wein. Ein schwer faßbares Gefühl von Verliebtheit und erotischer Anziehung hallte in ihm nach. Wieder fiel sein Blick auf seine Kleidung und er ging darauf zu. Die Kette ließ ihn allerdings nicht einmal in die Nähe kommen. Auch die Tür war unerreichbar. Unschlüssig blieb er stehen. Noch etwas stimmte nicht. Bei seinen wenigen Schritten hatte ihn etwas irritiert. Er schaute nach unten auf seine Unterhose. Sie war seltsam ausgebeult. Kaum hatte er sie heruntergezogen, erstarrte er. Ein metallener Fremdkörper war dort, wo sein Penis hätte sein sollen. Beim zweiten Blick erkannte er, daß der Metallzylinder sein bestes Stück umhüllte. Der Zylinder ließ sich nicht abziehen. Auch war kein Mechanismus erkennbar, wie dieser geöffnet werden könnte. Panik und Herzrasen breiteten sich in Frank aus. Das Wummern des Kopfschmerzes kehrte zurück, wenn auch nicht mehr so stark. Er lehnte sich an einen der senkrechten Holzbalken und versuchte verzweifelt, seine Situation zu verstehen.

Langsam kam die Erinnerung, die dieses Mal aus mehr als nur aus Bildfragmenten und angenehmen Gefühlen bestand. Sie hatte ihn im Supermarkt angesprochen. Nach dem Regal mit Backmischungen gefragt. Er wußte auch nicht wo es stand, ging aber mit ihr auf die Suche. Sie hatte ihn mit einem gewinnenden Lächeln angestrahlt und seine Hand etwas zu lange berührt, als er ihr schließlich die Backmischung für Landbrot aus dem Regal reichte. Den weiteren Einkauf erledigten sie gemeinsam, Wagen an Wagen. Sie lachten viel und er hoffte, daß sie noch lange gemeinsam im Supermarkt bleiben würden. Was für eine Traumfrau. Für ihn war es Liebe auf den ersten Blick. Als sie schließlich an der Kasse angekommen waren, erwähnte sie, daß sie sich draußen ein Taxi rufen würde. Sofort schlug er vor, sie mit ihrem Einkauf nach hause zu fahren. Ein Angebot, das sie gerne annahm. Nachdem alles im Kofferraum seines Wagens verstaut war, dirigierte sie ihn zu einer alten Burg, an der er schon zahllose Male achtlos vorbeigefahren war. Er war gar nicht auf die Idee gekommen, daß sie bewohnt sein könnte, obwohl sie recht gut erhalten war. Nachdem er – ganz Gentleman – ihren Einkauf vom Burghof in die moderne Küche getragen hatte, lud sie ihn noch auf einen Kaffee ein. Wie sich herausstellte, war ihr Zimmer im Dach des großen Turms. Sie stiegen eine schier endlose Wendeltreppe nach oben, bis sie endlich in dem Zimmer angekommen waren, in dem er sich jetzt befand. Es waren schließlich mehr als eine Tasse Kaffee und ein paar Gläschen Wein, die sie bei einem verliebten Gespräch zu sich nahmen. An den Inhalt des Gesprächs konnte er sich nicht mehr erinnern, nur, daß er sich dabei so wohl wie noch nie gefühlt hatte. Und daß sie viel gemeinsam gelacht hatten. Irgendwann war er müde geworden und hatte seinen Kopf an ihre Schulter gelehnt, während sie ihm zärtlich die Haare streichelte.

Die Tür ging auf und unterbrach seine Erinnerungen. Die Frau aus seiner Erinnerung trat schwungvoll ein – im Gegensatz zu ihm komplett bekleidet, wenn auch durchaus figurbetonend.

„Na, Frank, wie geht es dir?“, fragte sie – wieder mit ihrem strahlenden Lächeln. „Ich hoffe, du hast vom Wein keine Kopfschmerzen bekommen. Manchmal wirkt er ziemlich heftig.“

Einen Moment dachte er angestrengt nach, dann fiel auch ihm wieder ihr Name ein. Sabrina. Er schaute sie nachdenklich an.

„Sag mal, Sabrina, kann es sein, daß da noch etwas anderes war, als nur Wein? Ich kann mich nicht erinnern, daß es mich schon einmal so umgehauen hätte.“

„Nur ein bißchen was“, antwortete sie mit einem schelmischen Lächeln. Dann ließ sie sich, knapp außerhalb der Reichweite seiner Kette, auf einem Stapel Kissen nieder. „Deshalb hatte ich dir ja das Aspirin hingestellt.“

Frank wurde sich wieder der vielen Polster und Kissen bewußt. Eine gemütliche Spielwiese für ... Es fiel ihm schwer, dieser lächelnden Schönheit unangenehme Fragen zu stellen, aber er konnte nicht ignorieren, daß er angekettet und im Schritt zusätzlich verschlossen war.

„Du schaust so, als ob du etwas auf dem Herzen hast“, kam sie ihm zuvor. Dann prustete sie los. Ihr helles Lachen füllte den ganzen Raum. Es war ein gewinnendes Lachen und Frank war nahe daran, mit einzustimmen.

„Du willst natürlich wissen“, fuhr sie glucksend fort, „warum du angekettet bist. Und du hast wahrscheinlich – ja, genau, du hast es schon bemerkt, daß ich dir auch dein ‚edles Körperteil‘ verschlossen habe.“

Sie winkte ihn zu sich heran.

„Steh doch nicht so ungemütlich herum, setz dich zu mir.“

Frank näherte sich ihr so weit, wie es seine Kette zuließ und nahm etwas verkrampft auf einem dicken Polster platz.

„Du hast mir doch erzählt, daß du noch zwei Wochen Urlaub und noch keine Pläne hast. Und ich hatte den Eindruck, du würdest den Urlaub gerne mit mir verbringen. Auch ich finde diesen Gedanken reizvoll. Da wäre es doch schade, unnötig viel Zeit mit Plänen und Vorbereitungen zu verschwenden. Mir fällt in diesem Raum vieles ein, was wir gemeinsam unternehmen können. Die Aussicht von hier oben ist toll. Und ich werde dich schon gut versorgen. Mach dir einfach keine Gedanken und genieße meine Gesellschaft. Oder ist das nicht, was du gerne möchtest?“

„Doch schon“, antwortete Frank und schaute unbehaglich auf seine Unterhose.

„Weißt du“, erklärte sie mit einem zufriedenen Lächeln als verkünde sie den Weltfrieden, „Männer sind immer so schnell befriedigt und erschöpft. Wir Frauen brauchen viel mehr Zeit und Aufmerksamkeit, um auch zu unserem Spaß zu kommen.“

„Außerdem“, fuhr sie fort und ihr Lächeln wurde zu einem breiten Grinsen, „ist die Vorfreude doch ein wichtiger Teil der Freude. Ihr wird viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Ich habe jedenfalls vor, dir Vorfreude und Erregung in einem Umfang zu schenken, den du dir gar nicht vorstellen kannst. Dieser Urlaub wird für dich ein unvergeßliches Erlebnis. Versprochen! Und spätestens zum Ende deines Urlaubs nehme ich dir den Halsreif ab.“

„Und das hier?“ Frank deutete nervös auf seine Unterhose.

„Das habe ich mir noch nicht überlegt. Aber du mußt zugeben, wenn ich es dir nicht abnehmen würde, wäre der Urlaub für dich garantiert unvergeßlich.“

Franks Gesichtszüge entgleisten. Und Sabrina brach wieder in schallendes Gelächter aus.

„Du siehst so süß aus, wenn du fassungslos dreinschaust. Aber mach dir keine Sorgen. Ich werde auch deine Bedürfnisse im Blick behalten.“

Sie rückte näher an ihn heran und legte ihre Hand in sein Genick. Er entspannte sich merklich. Diese Frau konnte ihn mit einer Leichtigkeit um den Finger wickeln, die ihm unbegreiflich war. Und er genoß es.

„Wäre es dir sehr unangenehm, wenn auch ich mich ausziehe und ganz dicht zu dir käme?“
Was für eine Frage. Sie schauten einander an und mußten beide lachen. In aufreizender Langsamkeit entledigte sie sich ihrer Kleidung und kam in wiegendem Schritt auf ihn zu.

„Schlüssel habe ich keine dabei“, raunte sie ihm ins Ohr, als sie seine Unterhose auszog und in weitem Bogen in den Raum warf. Er seufzte leise und nahm sie in die Arme.

(Ende)

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catsoul
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Re: Urlaub mal anders

Beitragvon catsoul » So 17. Nov 2019, 18:55

Wow! Sehr schön. :valentin:
Hat mir sehr gut gefallen - und so ganz ohne Cliffhänger. :lolwech:

Liebe Grüße
Katzi
Disclaimer:
Meine Anmerkungen und Hinweise sind stets nur als Hinweise zu verstehen, sie müssen weder umgesetzt werden noch muss sich der jeweilige Autor damit auseinander setzen.

... bin ne Schmusekatze die auch kratzen kann und manchmal schlage ich alles um mich in Stücke, nur um nicht merken zu müssen, dass es meine Seele ist die weint *knuddelschnurr*

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