16. Dezember

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catsoul
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16. Dezember

Beitragvon catsoul » Mi 16. Dez 2009, 00:00

Einige haben die Geschichte vielleicht schon gelesen, trotzdem möchte ich hier die gerade erst fertig gewordene Endversion meiner diesjährigen Weihnachtsgeschichte einstellen. Vor ein paar Stunden auf der Nikolausfeier vom Kirchenchor vorgetragen ...

Die Weihnachtskugel
© Claudia Kathe

Der Winter war außergewöhnlich früh gekommen in diesem Jahr. Schon Mitte November türmte sich der Schnee einen halben Meter hoch an den Straßenrändern.

Das gefiel besonders den Kindern Alexandra und Gregor. Sie waren sehr lieb und gehörten zu einer der ärmsten Familien im Dorf. Ihre Pullover waren an den abgenutzten Stellen gestopft und ihre Hosen trugen säuberlich aufgenähte Flicken. Die Handschuhe waren nur noch Stulpen, sodass die Kinder ihre kleinen Fäuste oft in die Jackentaschen steckten um die klammen Finger zu wärmen.
Trotz allem liebten die beiden den Winter mit seinem rauen Wind und dem wüsten Schneetreiben. Sie freuten sich an jedem Schultag auf den Nachmittag, weil sie dann Zeit hatten um in die Felder zu laufen und im Schnee zu spielen.
Zwar musste ihre Mutter am Abend die Schuhe immer mit altem Zeitungspapier ausstopfen, die Mützen, Jacken und Hosen auf Bügel hängen und alles in die Nähe des Ofens stellen damit es am nächsten Tag trocken war und wieder angezogen werden konnte, aber trotzdem erlaubte sie Alexandra und Gregor das Spielen im Schnee. Sie sagte immer: „Ihr habt ja sonst nichts vom Winter und wer weiß, wie lange der Schnee liegen bleibt.“

Am liebsten hätten sich Alexandra und Gregor zu Weihnachten einen Schlitten gewünscht, aber die Eltern würden nicht soviel Geld übrig haben um ein solches Spielzeug zu kaufen. Also standen auch in diesem Jahr wieder warme Winterkleidung und Stiefel auf ihrer Wunschliste ganz oben.

Am ersten Advent war Markt in der Dorfscheune. Alexandra und Gregor gingen hin, weil da der Nikolaus kam und jedes Kind einen Schokoweihnachtsmann geschenkt bekommen sollte. Außerdem zogen die vielen bunten Lichter die beiden Kinder magisch an.
Die Luft roch nach Pommes und Bratwürsten, nach Glühwein, Apfelsinen und Nelken. Viele Stände luden zum Schauen und Kaufen ein.

Gregor blieb lange vor einer Holzeisenbahn stehen und beobachtete fasziniert, wie diese sich in Bewegung setzte. In seiner Fantasie fuhr sie immer und immer wieder im Kreis. Er war der Lokführer und lud seine ganze Familie ein.
Der Standbetreiber beobachtete ihn, sah das Leuchten in den Kinderaugen. Er dachte an seine Kindheit und daran, dass er auch nie eine solche Eisenbahn zum Spielen hatte, also erbarmte er sich schließlich und ließ Gregor mit der Eisenbahn spielen. Das lockte natürlich andere Kinder mit ihren Eltern an und im Nu hatte der Mann fast seine ganzen Eisenbahnen verkauft. Er nahm sich vor, das in Zukunft immer so zu machen. Gregor bekam zum Dank einen warmen Kakao und eine Miniaturlok aus Holz. Stolz lief er nach Hause um seinen Eltern das Geschenk zu zeigen. Seine Schwester hatte er vor Aufregung ganz vergessen.

Alexandra war indes weiter gegangen und ihrerseits vor einer kleinen Bude mit bunten Kugeln stehen geblieben. Völlig fasziniert schaute sie die glitzernde Pracht an. Als sie etwas näher ging, entdeckte sie in einigen der Kugeln kleine Möbel und Puppen. Alexandras Augen strahlten, ihre Wangen glühten und ihr Mund stand ein wenig offen. So stand sie lange still und rührte sich nicht. Alle Leute, die vorüber kamen, lächelten und dachten sich, wenn dieses Mädchen solche Augen machte, würden ihre Kinder und Enkel sicher auch so staunend vor dem Weihnachtsbaum stehen. Also kauften sie – manche gleich mehrere solcher Kugeln.

Aber nicht nur das Kugelgeschäft lief an diesem Adventssonntag gut für den Budenbesitzer. Auch die anderen Kunstwerke aus Glas, die er selber hergestellt hatte, verkauften sich. Als es Zeit wurde, die Bude zu schließen war fast sein gesamtes Sortiment verkauft. Nur noch wenige Glasanhänger waren übrig geblieben.
Ob er das alles dem kleinen Mädchen zu verdanken hatte, welches so andächtig seine Schmuckstücke betrachtete und ganz in deren Anblick versunken schien?

Ganz hinten, in einer zerdrückten Kiste, fand er noch eine der kleinen gefüllten Kugeln. Ein schöner Weihnachtsbaum, vor dem eine Familie Geschenke auspackte befand sich darin. Sie hatte einen Riss, weshalb sie wohl auch in der Kiste gelandet war.

Der Mann ging auf Alexandra zu und sagte: „Leider kann ich dir nur noch diese halb kaputte Weihnachtskugel anbieten. Alle anderen sind verkauft. Aber ich schenke sie dir, danke für deine Hilfe. Und vielleicht erfüllt sich ja durch sie dein Weihnachtswunsch.“
Alexandra erwachte wie aus einem Traum, hatte sie sich doch selbst in so einer gemütlichen Stube mit Weihnachtsbaum gesehen, wie sie in den Kugeln dargestellt waren. Artig bedankte sie sich und trug ihr Geschenk vorsichtig nach Hause.

Die Glasminiatur erhielt einen besonders schönen Platz am Adventsstrauß. Ab jetzt saß Alexandra jeden Tag davor, lächelte und träumte. Aber nicht nur sie träumte vor der Kugel, auch Gregor und die Eltern der beiden freuten sich jeden Tag aufs neue über die Lichtreflexe und lächelten still vergnügt vor sich hin. Gregor holte sogar die kleine Lok und stellte sie unter die Kugel. Immer wenn ein Lichtstrahl die Eisenbahn traf, sah es so aus, als würde sie ein Stückchen fahren ...

Am Weihnachtsabend, nach der Christmette, kam die Familie nach Hause. Die Eltern überlegten schon die ganze Zeit, wie sie Alexandra und Gregor die fehlenden Geschenke und den nicht vorhandenen Weihnachtsbaum erklären könnten. Die Mutter hatte in der letzten Nacht ein paar Plätzchen gebacken, das war alles. Das Geld hatte in diesem Monat einfach nicht für mehr gereicht.

Doch was war das? Durch das Fenster drang ein Feuerschein nach draußen. Die Schritte der Familie wurden schneller.
War Glut aus dem Ofen gefallen oder hatte sich vielleicht irgendetwas selbst entzündet? Ein Feuer würde ihr Leben noch schwerer machen. Voller Sorgen rannten alle schließlich ins Haus und blieben wie angewurzelt in der offenen Stubentür stehen. Mehrmals mussten sie sich gegenseitig kneifen und sich versichern, dass sie nicht träumten. Denn mitten in der großen Wohnstube stand der wunderschönste Weihnachtsbaum, den sie je gesehen hatten und unter ihm lag ein kleiner Berg von Geschenken.

Freudestrahlend packten die Kinder die Päckchen aus, neben warmen Wintersachen und Stiefeln fanden sich eine große Holzeisenbahn und ein stabiler Schlitten, ebenfalls aus Holz. Alexandra fand eine Puppe und den passenden Puppenwagen dazu. Auch die Eltern waren beschenkt worden. Die Mutter bekam eine Küchenmaschine und der Vater neues Werkzeug. Ach, was war das für eine Freude!

Nur die Weihnachtskugel und die Miniatureisenbahn waren nicht mehr zu finden.
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Meine Anmerkungen und Hinweise sind stets nur als Hinweise zu verstehen, sie müssen weder umgesetzt werden noch muss sich der jeweilige Autor damit auseinander setzen.

... bin ne Schmusekatze die auch kratzen kann und manchmal schlage ich alles um mich in Stücke, nur um nicht merken zu müssen, dass es meine Seele ist die weint *knuddelschnurr*

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Re: 16. Dezember

Beitragvon Morgaine » Mi 16. Dez 2009, 09:43

Eine wunderschöne Geschichte, vielen Dank dafür.

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Schenk mir einen Sonnenstrahl, der meine Tränen trocknet und einen Regenbogen an den Himmel meiner Seele zaubert.


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